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Akademien und Kunst
Aus Kultur und Kunst
Akademien und Kunst Künstler kann man nicht züchten, sie gedeihen am besten fernab der Akademien in der Dunkelheit, im Untergrund. In der Kunst hat niemand ein Ausbildungsmonopol, niemand ein Meinungsmonopol.
[bearbeiten] Out of control: Über die Komplizenschaft von Künstlern, Kunstakademien und Galeristen
Kunsthändler nennen sich selber lieber Galeristen. Berlin stellt sich quantitativ als größter Galerienstandort Europas dar. Durch die Vielzahl hier lebender nationaler und internationaler Künstler verfügt der Berliner Kunstmarkt über ein hohes kreatives künstlerisches Potential. Das künstlerische Potential suchen Kunsthändler und Galeristen bei Rundgängen und Diplomschauen der Kunsthochschulen in den studentischen Ateliers.
Weit verbreitet ist der Glaube daran, dass Kunst lernbar und lehrbar sei. Eine vergleichsweise kleine Gruppe von Galeristen, Sammlern und sogenannten Förderern ist inzwischen in der Lage, einer immer größer werdenden kunstinteressierten Öffentlichkeit zu diktieren, was gute Kunst ist, nämlich „Akademiekunst". Willkommen in der Vergangenheit! Nur wenige wehren sich gegen diese Diktatur. Der Künstler Jonathan Meese etwa hält Kunsthochschulen für Zuchtanstalten von Mitläufern, das erklärte er im vergangenen Jahr dem Kunstmagazin MONOPOL und übte zugleich Kritik an Nachwuchskünstlern: „Es werden nur noch Kunstsoldaten ausgespuckt, ohne Rückgrat. Es herrscht totale Gehirnwäsche.“ Meese spricht aus, was viele denken: Kunst ist nicht erlernbar, sie ist kein Handwerk. Was ist sie dann?
Phantasie ist die Mutter der Kreativität. Auch sie ist nicht erlernbar - ebensowenig wie Inspiration. Die Umsetzung einer geistigen Vorstellung, von Hören, Sehen und Empfinden ist Kunst. Die Inspiration ist dabei soetwas wie eine Erfindung, eine Eingebung, die niemand im Versandhaus oder bei einem Akademie-Professor bestellen kann. Max Liebermann sagte einmal: „Kunst kommt von Können, käme sie von Wollen, so würde sie Wulst heißen.“ Mit Können meinte Liebermann nicht die handwerkliche Fertigkeit im Umgang mit den Materialien und Formen, den Farben oder den Sujets, sondern die künstlerische Kompensation von Phantasie und Inspiration. Bloßes Wollen führt nicht zu Können. Kunst kann man nicht machen wollen. Kunst kann man weder erpressen noch bestechen. Die Kunst erzeugt sich selbst. Um mit Theodor Storm zu sprechen: „Da ist der leise Atem eines Engels zu hören.“
Selbst wenn jeder Künstler diese hehren Ideale verinnerlichte, es bliebe das viel beschworene Dilemma zwischen Kunst und Kommerz. Künstler partizipieren, sofern sie überleben wollen, am Wirtschaftsleben und zwar nicht als Einzelkämpfer, sondern im Verbund mit anderen, den Galeristen, den Medien, den Marketingstrategen. Nicht selten bleibt der Künstler in diesem Gefüge auf der Strecke. Der Künstler muss sein Produkt einer Öffentlichkeit zugänglich machen und bedient sich hierbei der Galeristen. Sie sind es, die auswählen und über die Qualität entscheiden. Der Konsument ist ahnungslos und zugleich anspruchsvoll. Immer häufiger ist Kunst für ihn ein Anlageobjekt. Er will in eine angesagte teure oder aufsteigende junge „Marke“ investieren. Gut ist nicht mehr, was gefällt. Es gilt daher, sich den Rat von Experten zu holen.
Unvorstellbar: Vor jeder Kunstmesse sammeln sogenannte „Art Consultans“ Informationen über die Werke angesagter Künstler, um eine Einkaufsliste für Ihre Kunden zusammenzustellen –Abbildungen der Werke sind in diesen Verzeichnissen nicht vorgesehen. Es geht allein um die Frage, an welcher Akademie und bei welchem Professor die möglichst jungen Newcomer studiert haben, es geht um Informationen über Preisbildung und Markteinschätzung für eine spekulierende, markengeile Käuferklientel.
Die Zahl der Sammler von zeitgenössischer Kunst ist in den letzten Jahren um 500 Prozent gewachsen. Ein mächtiger Geldstrom schwemmt aus dem Finanzsektor in die Kunstwelt hinein, Auktionsergebnisse überschlagen sich, Kunstmessen werden zu Supermärkten und Kunststudenten werden häufig von Galerien rekrutiert noch ehe sie diplomiert sind.
Der Ruhm der Künstler ist flüchtig. Ein Phänomen, das wir aus Casting-Shows des Musikgeschäfts kennen und das zu der viel diskutierten Frage führt: Wann platzt die Kunstblase? Künstler dürfen nicht zu Komplizen des Marktes werden, sie müssen sich selbst und ihrer Kunst ihre Autonomie erhalten, die Akademien verlassen und zurückehren zu ihrer Authentizität. Dann wird die Kunstblase niemals platzen, denn dann ist sie keine Blase mehr, sondern eine feste Größe. Es ist keineswegs so, dass an den Kunstakademien keine Künstler zu finden wären, aber zu ihrem Künstlertum ist keiner von ihnen durch Ihre Ausbildung gekommen, sie waren vorher bereits Künstler.
Künstler kann man nicht züchten, sie gedeihen am besten fernab der Akademien in der Dunkelheit, im Untergrund. In der Kunst hat niemand ein Ausbildungsmonopol, niemand ein Meinungsmonopol. Es gilt, die unerlässliche Voraussetzung für Kunst zu erhalten, die lautet, künstlerischen Freiheitsraum zu erhalten, Freiräume, die ohne regulierten Unterbau funktionieren, Freiräume, in denen der Künstler nur seiner ur-eigenen inneren Stimme folgend, in seine Utopien vorzustoßen sich bemühen muss. Was der antiakademischen Kunst- und Künstlerszene im Moment fehlt, ist ein selbstbewusster Auftritt: Hier sind wir Künstler und das haben wir zu sagen!
[bearbeiten] Über den Autor
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Constantin Schroeder stammt aus Hamburg. Er lebt und arbeitet seit 2001 als bildender Künstler und freier Journalist in seinem Atelier in Berlin Mitte. (Interview: Constantin Schroeder)
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